Zugspitz Ultratrail vom 20-21 Juni 2013

Laufbericht von Dirk Pretorius

Für das Jahr 2013 hatte ich mir wieder einen 100-km Lauf vorgenommen. Als erste Wahl waren eigentlich die 100-km von Biel geplant. Nach Studium der Ausschreibung kam der Lauf aufgrund der doch sehr hohen Startgebühr für mich dieses Jahr nicht in Frage. Beim Pulheimer Staffellauf erzählte mir dann Dirk Schoppen vom - Zugspitz Ultratrail - in Grainau.

Da ich noch nie in dieser Gegend war, informierte ich auf der Laufseite Marathon4you und so entschloß ich mich dort meinen diesjährigen Laufhöhepunkt zu bestreiten.

Der Ultratrail weist auf eine Strecke von 100 km und 5.420 Höhenmetern in Auf- und Abstieg aus. Die Sollzeit für den ZUT liegt bei knapp 26 Stunden. Man lernt das Wettersteingebirge von allen Seiten kennen. Die Runde wird in Grainau gestartet, mit Anstiegen zum Feldernjöchl, zum Scharnitzjoch und zur Alpspitz-Bergstation.

Wie sieht meine Vorbereitung auf diese doch recht anspruchsvollen Ultra aus? Im Prinzip auch nicht anders wie auf einen normalen Marathon, nur ein paar zusätzliche Langdistanzen mußte ich noch einbauen. So absolvierte ich in den letzten fünf Monaten beispielsweise fünf Marathons und zwei Ultras. Das einzige was mir fehlte, waren entsprechende Höhenmeter.

Bei meinem letzen Vorbereitungsmarathon in Waxweiler traf ich meinen Lauffreund Mario Luther der beim ZUT den Super-Trail mit 68,8 km und 3.120 HM bestreiten wollte. Da Mario in Hürth wohnt, bildeten wir eine Fahrgemeinschaft nach Greinau.

Nach 7 stündiger Fahrzeit trafen wir gegen 16:00 Uhr in Greinau ein. Nach bezug unserer Ferienwohnung hieß es die Startunterlagen abholen.

Die Registrierung und der Empfang der Startunterlagen fanden in der Kurverwaltung, beim Zugspitzbad statt. Es gab keine langen Anstehzeiten und kurz Entschlossene konnten sich sogar noch nachmelden. Die Kosten für den Ultratrail lagen bei 110,- €, €, für den Super-Trail bei 75,- €..

Was wird alles geboten fürs Geld? Da waren z.B. beim ZUT eine hochwertiger Lauftasche von Salomon, Gutschein für die Pasta Party, Medaille und Finisher-Shirt bei Zielankunft und ein 20 Euro-Gutschein von Sport Conrad, den ich gleich anschließend auf der kleinen EXPO für eine Hochwertige Stirnlampe einlöste.

Im Rahmen der Pasta Party fand ein Strecken-Briefing im Musikpavillon statt. Hier trafen wir noch verschiedene Ultraläufer zum Ratschen. Vor der Einweisung gab es noch etwas Unterhaltung. Bayrisches Brauchtum wird gepflegt. Auf diversen Tischen platzieren sich die Grainauer Goaßlschnalzer und servieren uns eine kleine Kostprobe ihres Könnens. Aufstehen während der Darbietung war ausdrücklich verboten, nicht dass einer skalpiert wird.

Explizit wies Streckenchef Wolfgang Pohl beim Briefing darauf hin, dass die Pflichtausrüstung stichpunktartig kontrolliert werden sollte. Wer nicht alles Vorgeschriebene dabei hat, wird diskussionslos nicht zugelassen.

Da es in der Nacht von Freitag auf Samstag stark regnete und auch für den Samstag teilweise Regenschauer angesagt waren, stellte sich mir noch die Kleiderfrage. Ich entschloß mich zu meiner Pflichtausrüstung aus wasserdichten Regenjacke, Langarm-Shirt, Stirnlampe samt Ersatzbatterien, 1,5 Liter an Getränken, Notfallausrüstung, Handy mit eingespeicherter Notfallnummer noch eine dünne Laufjacke anzuziehen.

Die Nacht war kurz, zumindest für uns Ultratrailläufer. Schon um 6 Uhr herrschte geschäftiges Treiben rund um das Startgelände. Am Zugang zum Startkanal im Musikpavillon wurden bei fast allen Teilnehmern auf das Vorhandensein der Pflichtausrüstung kontrolliert.

Beim letzten Briefing um 7 Uhr wurden wir Läufer nochmals mit tagesaktuellen Besonderheiten und Risiken der Strecke vertraut gemacht und so erfuhren wir, dass es auch dieses Jahr wieder Schneefelder zu den heutigen Herausforderungen gehören sollten.

Dann endlich, um 7.15 Uhr: Der Startschuß. Zu den Klängen des AC/DC-Klassikers “Highway to hell” werden wir in unser Laufabenteuer entlassen. Bis 9 Uhr am nächsten Morgen hatten wir nun Zeit, nach 100 km wieder hierher zurück zu finden, vorausgesetzt, man reißt nicht bereits eine der Zeithürden unterwegs.

Die ungerade Startzeit von 7:15 Uhr kam daher, dass wir unmittelbar nach dem Start eine Bahntrasse queren und bei einem 7 Uhr-Start müßten womöglich einige vor verschlossener Schranke warten. Somit gleiche Möglichkeiten für alle. Hinter einer Trachtenkapelle wurden wir in den Ort geführt. Überholen auf Ausschluß verboten. Hier erfolgte der Restart und zugleich offizielle Start, die Zeitmessung wurde erst jetzt in Gang gesetzt.

Die ersten Kilometer führen moderat profiliert durch das schön anzusehende Grainau um sodann durch die angrenzenden Wiesen und Wälder ins nahe Hammersbach (km 2,5) zu kommen. Recht schonend wurden wir so auf Laufbetriebstemperatur gebracht.

Entlang des tosenden Hammersbachs sammelten wir auf Naturwegen durch dichten Laubwald schon etliche Höhenmeter, ehe wir kurz vor der in den steilen Fels gebauten Höllental-Eingangshütte nach rechts auf den Grainauer Höhenweg in Richtung Eibsee abgeleitet wurden.

Auf einem schmalen, steinigen Pfad, der schließlich in einen breiten Forstweg mündete, ging es in stetigem Auf und Ab weiter durch den morgenkühlen feuchten Wald. Die ersten 450 Höhenmeter waren geschafft, als wir bei km 10,5 am Abzweig zum Eibsee die erste von zehn Verpflegungsstellen entlang der Strecke erreichten. Da ich nicht wußte was mich genau erwartete ging ich relativ konservativ die Strecke an und befand mich schnell im hinteren Teilnehmerfeld.

Die Bodenbeschaffenheit unseres Weges ändert sich immer wieder. Mal schmaler, steiniger Single-Trail, dann wieder bequemer breiter Forstweg. Und in zunehmendem Maße: weicher Wiesenpfad.

Bei km 15 querten wir bei Riffel auf 1.525 m üNN ganz unspektakulär die deutsch-österreichische Grenze um anschließend wieder eine ganze Menge der eroberten Höhenmeter abzugeben. Kurz vor km 18 die Talstation der Ehrwalder Zugspitzbahn (1.242 m üNN). Hier war der nächste Verpflegungsstelle (VP 2). Zu den VP sei von mir angemerkt: bis auf VP 1 an der es nur Wasser gab, waren alle anderen VP`s sehr gut mit Wasser und ein Isogetränk, dazu Bananen, Orangenstücke, Energieriegel, Nüsse, Kuchen und besonders lecker: gesalzene Cherrytomaten mit Käse und Brot. Mit kleinen Modifikationen dürfen wir dieses Angebot auch an den anderen Stationen erwarten.

Bis 12 Uhr mittags hatte man Zeit, den VP 2 zu erreichen. Ich hatte hier 1 1/2 Stunden Guthaben.

Die eine Piste rauf, die andere runter. Aus der Skifahrerperspektive mit Liftunterstützung ein bequemes Vergnügen, zumindest für mich eine Anstrengung mit mäßigem Lustfaktor. Läuferisch attraktiver wurde es ab der Gamsalm: Ab hier folgten wir an der Westflanke des Wettersteinmassivs dem Ehrwalder Höhenweg und später dem Koppensteig. Der Weg bot alles, was sich ein Trailläufer so wünscht: Steine und Wurzeln, kurze knackige Anstiege und das Gefühl, eins mit der Natur zu sein. Trekkingstöcke leisteten wertvolle Anschubarbeit bei diesen Anstiegen. Und auch beim Hinablaufen kann man zumindest einen Teil der auf die Muskeln und Gelenke wirkenden Kräfte abfedern.

Bei km 24 endet der Koppensteig und wir schwenkten über einen komfortablen Forstweg langsam ansteigend ab ins Gaistal, welches Wetterstein- vom Mieminger Gebirge trennt. Rund um die Ehrwalder Alm 1.502 m üNN erwartet uns eine alpine Bilderbuchkulisse: Weite, mit gelben Butterblumentupfern übersäte Wiesen im breiten Talgrund, friedlich grasende Kühe, einsame Hütten, Nadelwald am Talrand und dahinter beiderseits die ehrfurchteinflößend weit über 2.000 Meter steil ansteigenden Felswände der Bergmassive. Die Optik stören allenfalls die diversen Liftanlagen, aber das ist eben der Preis der touristischen Erschließung. 

Meist steil bergauf und kräftezehrend ging es weiter zu V3-Pestkapelle. Auf diesem Abschnitt traf ich mit Barbara und Michael zusammen, mit denen ich letztendlich auch den Lauf beenden sollte. Bis zum Feldernjöchl oben am Grat, nach 32,3 km auf 2.045 m waren weitere 1.250 m im Aufstieg zu erkraxeln. Das auf leuchtend orange „Dangerous section“ mahnte uns zur Vorsicht. Die Schotter- und Schneepassagen am Hang hatten es in sich, einmal ausrutschen und die Party ging ab …weit nach unten.

Die folgenden hochalpinen Kilometer gehörten ohne Zweifel zu den spannendsten und für mich auch trotz immer schlechter werdender Sicht, zu den schönsten die der Trail zu bieten hat. Unser Pfad führte mitten durch die geröllbeladene Bergflanke und passiert dabei einige sommerresistente Schneefelder, auf denen wir unseren Gleichgewichtssinn schulen durften.

Leider wurden hier oben die Wolken immer dichter und die Sichtweite betrug über weite Strecken, keine 50 Meter, so dass man von dem schönen Bergpanorama nichts sehen konnte.

Der Markierung folgend die uns über einen grasbewachsenen Felsgrat bis fast auf 2.200 m üNN, bei km 33,5 den höchsten Punkt unserer Strecke, brachte. Aufgrund des Nebels betrug die Sicht nur wenige Meter, was den Blick in den Abgrund noch etwas unheimlicher machte.

Der felsige Pfad stürzt sich anschließend weit verzweigt den Abhang hinab. Einige größere Schneefelder waren vorsorglich von der Bergwacht mit Seilen gesichert worden, so dass das Queren mir keine größeren Schwierigkeiten bot. Hier zahlte sic auch meine Schuhwal vom Salomon Speedcross aus, der mir in diesem Gelände einen absolut sicheren Halt bot.

Weiter ging es hinab, tiefer und tiefer, vorbei am Steinernen Hüttl auf 1.925 m üNN bei km 34,5. In einer Talsohle hieß es einen Wildbach queren, was von Stein zu Stein hüpfend allerdings kein Problem darstellte. Bei einer dieser Querungen mußte ich einem kurz, unvermittelt stoppen weil ich zu dicht hinter Barbara herlief, welches meine Muskulatur fast mit einem Krampf belohnte. Mühseliger gestaltete sich da schon der erneute heftige Anstieg, den unser Pfad in zahllosen Serpentinen den von dichtem Gras und niederem Nadelgehölz bewachsenen Hang empor vollführte und der uns erneut weit über die 2.000 m hinaus bringen sollte.

Etwa bei km 37 war die letzte Paßhöhe unseres ersten Ausflugs in die Hochgebirgsregion geschafft und wir traten - fürs Erste - endgültig den Rückzug in die Tiefe an. Bis hierin hatten wir immerhin schon ziemlich genau die Hälfte der positiven Höhenmeter unseres Rundkurses geschafft. Das motivierte. Doch die Höhenmeter, die es hinab ging, waren nicht zu unterschätzen, denn sie belasten die Muskulatur letztlich mehr als die Anstiege. Aber mit Hilfe der Treckingstöcke waren auch diese Passage gut zu meistern.

Bei der Rotmoosalm (1.904 m üNN) km 37,7 waren wir sozusagen zurück in der Zivilisation. Hier endet der Bergpfad und unser Weg setzt sich über eine Forststraße fort. Und hier verließen wir auch die karge Weite des Hochgebirges und tauchen ein in dichten Nadelwald.

Fast exakt am Marathonpunkt erreichten wir die Hämmermoosalm (1.417 m üNN) und damit den VP 4 bei km 42,0. Es ist 16:15 Uhr und ich durfte feststellen, dass mein Zeitpolster bis zum Zeitlimit um 18 Uhr ein durchaus komfortables war. Bisher lief alles im Plan und ich fühlte mich noch gut.

Von hier aus hieß es die nächsten 630 auf 6 km verteilten Höhenmeter hinauf zum Scharnitzjoch zu meistern. Erst auf einer Forststraße eingangs recht bequem durch das Nadelgehölz, ehe sich der Weg über einen wurzeligen Pfad weiter empor wand. Erneut war volle Konzentration und Kraft gefordert.

Die Wangalm (1.755 m üNN) bei km 46,6 markiert die Halbzeit des Aufstiegs und gleichzeitig den Wiedereintritt in hochalpine Regionen. Die hier friedlich grasenden Kühe ließen sich durch die zwischen ihnen dahin tröpfelnden Läufer nicht im mindesten beeindrucken. Bis hinauf zum Scharnitzjoch auf 2048 m üNN bei km 48 km gabt es keine Verschnaufpause in Form von flacheren Abschnitten. Höchstens man gönnte sich eine kleine Pause auf einem der zahlreichen Felsbrocken.

Von Scharnitzjoch aus verloren wir auf den nächsten 8 km 960 Höhenmeter abwärts ins Tal.

Dieser Weg hatte es aber in sich. Es war gar nicht mal das Gefälle und auch nicht der holprig-steinige Untergrund, aber die immer wieder zu kreuzenden Schneefelder und durch überlaufende Bergbäche geschaffenen matschtriefenden Sumpfpassagen erlauben nur ein vorsichtiges Trippeln. Nach einer gefühlten kleinen Ewigkeit lief das Tal in weiten, weichen Wiesen aus. Unvermittelt taucht der Pfad in dichtes Walddickicht und stürzt sich nun förmlich in die Tiefe.

So plötzlich, wir ich in den Wald geraten waren, so plötzlich erreichten wir den VP 5 Hubertushof Reindlau (1.085 m üNN) bei km 56. Barbaras und mein Zeitpolster war auf ca. 2:15 Stunden angewachsen.

Mit seinen diversen Zelten und Pavillons war der VP 5 der größte seiner Art. Und bevor man hier in den Verpflegungsbereich gelassen wurde, mußte man sich erst den gestrengen Augen eines Arztes stellen, der jeden Ankömmling in einem eigenen Durchlaufzelt abpaßte. Da ich verhältnismäßig gut fühlte, stellte dies für mich kein Problem dar. Ab hier wußte ich, das ich den ZUT Finishen würde.

Wer auf dem Zahnfleisch daher kommt, hat eventuell schlechte Karten noch weiterlaufen zu dürfen. Bis heute Morgen gab es die Möglichkeit, sich hierher Wechselbekleidung deponieren zu lassen. Ich hole mein Dropbag und begebe mich ins Umkleidezelt um mir ein frisches Unterhemd mit T-Shirt zu holen. Dabei mußte ich leider feststellen, das ich anstatt des Shirt eine zweite Laufhose einpackt hatte. Also nur das Unterhemd gewechselt und Nahrung fassen. 30 Minuten benötigen wir für Verpflegung.

Gegen 19:30 Uhr, 1:45 Stunden vor dem Zeitlimit, begaben wir uns auf die Strecke.

Die folgenden 6 km waren dann auch nicht das, was Trailer unbedingt lieben, aber man konnte schnell ein paar Kilometer machen.

Da Barbara nach der Pause nicht wieder ins Laufen kam, legten wir die folgenden 6 km fast ausschließlich walkend zurück. Da ich eh nur ins Ziel kommen wollte, blieb ich bei Barbara. An der Leutascher Ache entlang führte uns ein Wirtschaftsweg flach bis zur Leutschklamm. Der letzte Kilometer davon sogar auf einer (geringfügig) autobefahrenen asphaltierten Straße.

Auf diesem Abschnitt schloß auch Dietmar und Michael, den wir zwischen VP 4 und VP 5 aus den Augen verloren hatten, zu uns auf. Der Weg führte oberhalb der Klamm trailgerecht wieder auf einem Naturweg durch den Wald.

Am Ausgang ist noch ein Kilometer bis Mittenwald zu laufen, wieder ganz flach. „35 km to go“ weist das Kilometerschild vor. An einer Hütte schnorrte ich mir hier von Pausierenden Bergwachtlern ein hopfenhaltiges Kaltgetränk, denn selbst die Beste Verpflegung läuft einem nach ca. 13 Stunden Laufzeit nach.

An der Wasserstation (VP 6 930 m üNN) bei km 65,4 in Mittenwald ließ sich Barbara ihre große Blase unter dem rechten Fußballen „verarzten“. Hier gab es sogar Cappuccino, den ich mir als Kaffee-Junkie nicht entgehen ließ.

Weil die Stimmung in der Gruppe so gut war, beschlossen wir hier, daß wir alle vier zusammen ins Ziel einlaufen wollten.

Ein leichtes Auf und Ab führte uns auf schmalen schön zu laufenden Waldwegen zum Ferchensee, der nur von kleinen Bergbächen gespeist wird. Ein herrliches Idyll. Hier am See legten wir dann auch unsere Stirnlampen an, da es immer dunkler wurde. Gegen 22:00 Uhr erreichten wird den VP 7 Gasthof Ferchensee bei (1.050 m üNN) bei km 69,4. Nach einer kurzen Stärkung, ging es in die Nacht.

Für 7 km ging es auf dem komfortablen Bannholzerweg eigentlich immer geradeaus, nochmals so eine Passage die wenig anspruchsvoll war und auch kaum was fürs Auge zu bieten hatte. Aber der breite Wirtschaftsweg bot bei Dunkelheit auch einen unschätzbaren Vorteil; wir kamen hier relativ gefahrlos schnell voran.

Bei der Dunkelheit zeichnete sich wie schon auf dem Trail zwischen km 30 bis km 55 die hervorragende Streckenmarkierung aus. Der Weg hatte Reflektierende Wegweiserpfeile und zahlreiche in den Zweigen hängende Trassierbandfetzen sowie Kreidezeichen auf Steinen, alles in orange, wodurch der Weg auch in der Dunkelheit problemlos zu finden war. Und diese Sicherheit zu vermitteln ist dem Veranstalter auf der gesamten Strecke bestens gelungen. Außer dem war es jetzt auch ein Vorteil, daß wir in der Gruppe unterwegs waren.

Etwa ab km 77 endete abrupt die Eintönigkeit der bequemen Forststraße und mutiert zum schieren Gegenteil: Über einem ausgesetzten Pfad, der sich hindernisreich 350 Höhenmeter in die Tiefe stürzte. Kälbersteig nannte sich dieser verwegene Pfad, der hinab bis zum Eingang der Partnachklamm führte. Der Weg war sehr verwinkelt und bisweilen kaum als solcher erkennbar. Man war permanent auf der Suche nach den Markierungen, mußte aber dabei stets darauf achten, nicht in einem der zahllosen krakengleichen Wurzeltentakeln hängen zu bleiben. Aus der Tiefe rückt der fast bedrohliche Klang des durch die Klamm tosenden Wassers immer näher. Ein spannender Weg, gerade jetzt in der Nacht. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte die Lichter der VP 8 Abzweig Reintal am Eingang zur Partnach Klamm bei km 79,5 auf. Gerade einmal auf 810 m üNN sind es an der Verpflegungsstation.

Von nun an hieß es wieder rauf auf über 2.000 m üNN bis zur Bergstation der Alpspitzbahn am Osterfelderkopf.

Was bewundernswert war, daß man immer wieder auf Posten der Bergwacht traf. Tagsüber vielen diese Posten nicht so auf, aber in der nacht um so mehr. Zu zweit oder dritt schlugen sie sich zu unserem Schutz die Nacht um die Ohren. Mit kleinem Lagerfeuer und Schlafsäcken trotzen sie der Kälte und sind dennoch allesamt gut aufgelegt. Wir waren beeindruckt. Selbst in der größten Einsamkeit hatten sie immer einen freundlichen Gruß für uns parat und wiesen uns den Weg.

Von der VP 8 erst über einen gut ausgebauten Treppensteig ging es erneut nach oben an den Rand der Partnachklamm, deren Verlauf wir ein Stück folgten, um sie dann über eine Brücke zu queren. Bei der Dunkelheiten dröhnt wie aus einem Höllenschlund nur der Klang des brodelnden Wassers empor.

Die nächsten Kilometer waren überraschend bequem und der Anstieg moderat. Wir folgtem einem gut ausgebauten Höhenweg durch das Reintal. Erst beim “noch 15 km”-Schild wies uns der Wegweiser an, diesen Weg zu verlassen und auf einen unscheinbaren Pfad zu wechseln. Und der hatte es wieder in sich: Steinig, wurzelig, matschig, zugewachsen durchkurvt er verschlungen die dschungelartige Natur. Mit zunehmendem Verlauf wurde er immer ausgesetzter und steiler. Über Baumstämme, um und über große Felsen mußten wir klettern, Wurzelberge und meterhohe Stufen überwinden. Schier endlos zog er sich im Zickzack den Abhang hinauf. Jeder von uns war mit sich dem Weg in der Nacht selber beschäftigt, aber auch gleichzeitig froh in der Gruppe zu sein. Wie eine Ewigkeit zogen sich die angeblich nur 3 km dieses Pfades - er wollte und wollte keine Ende nehmen.

Nach 20 Stunden erreichen wir den VP 9 Talstation Längenfelder bei km 88 auf 1.610 m üNN. Hier herrscht vergleichweise mehr Trubel, soweit man davon überhaupt sprechen kann. Denn eine Besonderheit dieses Postens ist, dass er doppelt angelaufen wird.

Eine warme Suppe, Kaffee & Cola eingenommen und wir machten uns auf die letzt fehlenden 400 Höhenmeter zum Osterfelderkopf zu bestreiten.

Der Weg zum Osterfelderkopf verlief selbst der über einen breiten, gut ausgebauten Fahrweg unspektaulär empor. Nach ca. 1 Stunde erreichten unser letztes Gipfelziel, die Bergstation der Alpspitzbahn bei km 91 auf 2.029 m üNN. Oben verdrängt das erste Tageslicht die Schatten der Nacht und vermittelt erste konkrete Eindrücke von unserer Umgebung.

Wir hatten teilweise das Gefühl, in einer Steinwüste zu sein. Bis über 2.600 m ragt vor uns düster das Alpspitzmassiv auf. Weite Geröllfelder bedecken die Flanken. Fels und Schutt dominieren auch die nähere Umgebung. Mächtige Metallpfosten und Betonkonstruktionen erinnerte daran, dass wir uns in einem Skigebiet befinden, das schneebedeckt weitaus lieblicher wirken mag.

Ohne größeren Aufenthalt machten wir uns direkt an den Abstieg. Nach anfänglichem leichtem bergab, war schnell Schluß mit der Gemütlichkeit. Teils dramatisch schwang sich der Trampelpfad in die Tiefe. Fels und Matsch machen es erforderlich, sich auf jeden Schritt zu konzentrieren, zumal bisweilen nicht unbeträchtliche Absturzgefahr bestand. Selbst tagsüber ist der Trail ausgesprochen anspruchsvoll. Über ein letztes Schneefeld hinüber mußten wir noch, dann entspannt sich die Situation. Der Pfad schlängelt sich im Auf und Ab durch den Wald und ein Ende war nicht auszumachen.

Gegen 6:30 Uhr erreichen wir dann relativ unvermittelt wieder den VP und hatten für die 7 km ca. 2 Stunden gebraucht. Diesmal machen wir nur einen kurzen Stopp. Die Getränkeflaschen mußten auch nicht mehr aufgefüllt werden.

Nur noch 6 km bis zum Ziel lagen vor uns, wobei auf den ersten 4 km 900 weitere Höhenmeter abwärts zu überwinden waren. Diese Kilometer sollten es aber noch mal richtig in sich haben.

Durch den immer dichter werdenden Wald wandet sich der Pfad über Stock und Stein dahin. Außerdem war der Untergrund größten teilweise sehr rutschig und schlierig. Während wir vorsichtig dahin talpten und uns jeden Tritt genau überlegen, sausen andere im Galopp an uns vorbei. Und so kommt es, dass auch dieses Teilstück kein Ende nehmen will.

Endlich, bei km 97,5 hatte das Gefälle ein Ende und wir sind wieder in Hammersbach und können die letzten flachen Kilometer gen Grainau in Angriff nehmen.

Noch morgendlich ruhig ist es im Ort, kaum ein Mensch ist auf der Straße. Und nicht viel mehr los ist auch, als wir vier Babara, Dietmar, Michael und ich gegen 6:30 Uhr und nach 23:12 Stunden Laufzeit gemeinsam hand in hand durch den Zielkanal hinein in den Musikpavillon liefen. Der Zielsprecher gab sich redlich Mühe, für ein wenig Stimmung zu sorgen und begrüßt lautstark jeden der Ankömmlinge persönlich. Freundlich lächelnde Gesichter verteilen Medaillen und Finisher-Shirts als Insignien an die, die die Laufprüfung erfolgreich bestanden haben. Nach der sehr herzlichen Begrüßung von Barbaras Mann, Michaels Freundin und Eltern, wurden noch das eine oder andere persönliche Finisher-Foto gemacht. Die Zeit war mir Schnuppe, aber ich bin stolz, diesen grandiosen Lauf geschafft zu haben und dieses Abenteuer gemeinsam mit meinen neuen Lauffreunden Babara, Dietmar, Michael erlebt zu haben. Der ZUT ist eine harte Nummer, ca. 100 Ausfälle von 550 Starter/innen sprechen eine deutliche Sprache. Aber man muß einfach dabei gewesen sein.

Anstatt der sonst so üblichen isotonischem Getränke gönnte ich mir mit Dietmar und Michael zu Abschluß ein schönes wohlverdientes Bier.

Ich hatte meinen Jahreshöhepunkt 2013 geschafft.

Ich möchte mich auf diesem Wege bei meinen Mitläufern Barbara Schulz, Dietmar Hein und Michael König bedanken, das ich mit euch den für mich unvergeßlichen Lauf bestreiten durfte.

Dirk Pretorius

 

Bilder vom Lauf:

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